Das Ehrenmal zum Essener Kapp-Putsch

Im März 1920 erschütterte der so genannte Kapp-Putsch die noch junge Weimarer Republik. Mit dem Ziel die Republik zu beseitigen, gingen Putschisten gegen die Regierung vor. Die Anführer der Erhebung stammten vielfach aus der Reichswehr, oder gehörten den Freikorpsoffizieren an. Aus diesem Umstand ergab sich für die Regierung ein Problem, da Reichswehr nicht gegen Reichswehr schießen sollte.[1] PolizeiehrenmalDies hatte zur Folge, dass die Regierung und das Parlament aus Berlin flohen und ein Generalstreik unter den Arbeitern ausgerufen wurde. Diese Ereignisse hatten weitreichende Konsequenzen für das Ruhrgebiet.

Die Putschisten im Ruhrgebiet forderten „[die] längst fällige[n] Sozialisierung, [die] Mitbestimmung in den Betrieben und [die] Säuberung des Staatsapparates von allen Feinden der Republik.“[2] Die Arbeiter standen demnach auf Seiten der Regierung und wollten mögliche Gefahren von dieser abwenden, indem sie gegen die stationieren Freikorpsführer vorgingen. Zudem formierten sich die Arbeiter zur so genannten Roten Ruhrarmee und schlugen erfolgreich die Republikfeinde in Dortmund und weiteren Städten des Ruhrgebietes. Die Arbeiterarmee wurde vorrangig von Mitgliedern der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) angeführt.

Am 19. März 1920 besetzte die Rote Ruhrarmee Essen.[3] Die Gegner, auf die sie trafen, waren einerseits die in Essen ansässige Sicherheitspolizei (Sipo) und andererseits die Einwohnerwehr, bestehend aus Geschäftsleuten und anderen Mittelstandsangehörigen. Der Essener Wasserturm am Steeler Berg wurde zum Schauplatz der blutigen Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppierungen. An dieser Stelle erinnert heute eine Gedenktafel an die Geschehnisse: Am 19. März 1920 war der Wasserturm von Sipo und Einwohnerwehr besetzt, die Rotarmisten belagerten diesen. Die nachfolgenden Ereignisse sind noch nicht vollständig geklärt. Man geht davon aus, dass die Belagerten die weiße Flagge hissten, die Belagerer wiederum das Feuer und den Sturm auf den Turm eröffneten. Die Kämpfe rund um den Wasserturm forderten Tote und zahlreiche Verletzte auf beiden Seiten. Interessant ist, dass die Anzahl der Toten und Verletzten auf Seiten der Arbeiterarmee nicht bekannt ist, die der belagerten Sipo und Einwohnerwehr dagegen schon.

Unter den Nationalsozialisten wurde der Essener Kapp-Putsch zum Zwecke antikommunistischer Propaganda aufgegriffen und ein Mythos geschaffen, der bis heute anhält und die Rotarmisten für den Essener Kapp-Putsch verantwortlich macht. Die Konsequenz des Kapp-Putsches in Essen war ein Verfahren, das gegen 15 Angehörige der Roten Ruhrarmee ins Leben gerufen wurde. Gedenktafel Kapp-PutschDie Angeklagten wurden freigesprochen.

Die Beerdigung der Märzgefallenen – sowohl Rotarmisten als auch Sipo und Einwohnerwehr – fand am 26. März 1920 statt, also sechs Tage nach der Belagerung des Essener Wasserturms. „Die Teilnahme an der Beisetzung der gefallenen Freiheitskämpfer“[4] wurde zur Pflicht für die gesamte Arbeiterschaft der Stadt. Zeitungsartikel der damaligen Zeit vermitteln den Eindruck, dass die Geschehnisse rund um den Kapp-Putsch eine große Bedeutung für die Stadt Essen und seine Bewohner hatten. Die Toten wurden auf dem Sonderfeld R beigesetzt. Dabei machte man keinen Unterschied zwischen den Gefallenen der Rotarmisten, der Einwohnerwehr oder der Sipo. Insgesamt wurden 56 Menschen bestattet. Unter den Nationalsozialisten wurden die Gefallenen der Sipo und der Einwohnerwehr exhumiert und an Ort und Stelle des Polizeiehrenmals begraben. Die von den Nationalsozialisten so genannten „Kommunistengräber“ – Gräber der Rotarmisten – wurden dem Verfall preisgegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dort russische Kriegsgefangene und Fremdarbeiter beigesetzt. Die Gräber sind heute nicht mehr zu erkennen und die Namen der Beteiligten unbekannt und vergessen, obwohl sie „das gleiche Gewicht, wie jene, die auf der Tafel am Wasserturm seit Jahrzehnten ehrend festgeschrieben sind“ .[5] haben

 

Fußnoten

[1] Schmidt, Ernst: Der Kapp-Putsch 1920 und die Ereignisse am Essener Wasserturm. In: Schulze, Wolfgang (Hrsg.): Jahrbuch Essen 1988, Essen 1988, S. 65.
[2] Ebd.
[3] Vgl. Ebd.
[4] Schmidt, Ernst: Der Kapp-Putsch 1920 und die Wasserturmlegende. In: Gorlas/ Peukert (Hsg.) Ruhrkampf 1920, Neuss 1987, S. 80
[5] Ebd., S. 81.

Literatur

  • Schmidt, Ernst: Der Kapp-Putsch 1920 und die Ereignisse am Essener Wasserturm. In: Schulze, Wolfgang (Hrsg.): Jahrbuch Essen 1988, Essen 1988, S. 65-73.
  • Schmidt, Ernst: Der Kapp-Putsch 1920 und die Wasserturmlegende. In: Gorlas/ Peukert (Hrsg.) Ruhrkampf 1920, Neuss 1987, S. 75-85.
  • Gepp, Thomas/ Locht, Volker van der/ Petzinna, Berthold: Kapp-Putsch und Rote-Ruhr-Armee in Essen. Stadtarchiv. Materialien für den Unterricht. Stadtgeschichte 2., Hrsg. vom Stadtarchiv Essen, Essen 2002.
  • Vinke, Hermann: Gustav Heinemann, Hamburg 1979, S.33-35.